Stress ist ein wunderbares Wort. Stress ist ein zwielichtiges Wort. Stress ist ein reizvolles, ein unproblematisches und zugleich beunruhigendes Wort.
Stress hat viele Facetten, und je nachdem, unter welchem Blickwinkel man sich mit Stress beschäftigt, kommen ganz unterschiedliche Bewertungen zum Tragen.
Manch einer mag sich jedoch zuallererst fragen: Stress – ein Anglizismus? Stress steht sicherlich nicht ganz vorne auf der Liste auffälliger Anglizismen. Dies hat mehrere Gründe:
Stress entspricht von seiner Form her der deutschen Sprachstruktur, das Wort bewegt sich also sehr unauffällig im Deutschen. Wir haben keine Probleme mit Aussprache oder Schreibung. Wir können ungehemmt Ableitungen bilden, die ihrerseits problemlos im Deutschen funktionieren: stressen, gestresst, stressig, unstressig
Außerdem ist Stress so allgegenwärtig, dass wir gar nicht mehr über die Herkunft nachdenken.
Aber natürlich ist Stress ein Anglizismus. Der Ausdruck ist laut Anglizismen-Wörterbuch von Broder Carstensen und Ulrich Busse zum ersten Mal in den 1950er-Jahren in der deutschen Sprache belegt und direkt aus der englischen Fachsprache der Medizin entlehnt.
Damit ist die unproblematische Seite von Stress beleuchtet – seine Form, die Ableitbarkeit, die problemlose Integration eines ursprünglich englischen Wortes ins Deutsche.

Die zwiespältige Seite von Stress liegt in dessen Gebrauch – dies gilt übrigens fürs Englische ebenso wie fürs Deutsche. Stress war ursprünglich ein Fachbegriff für körperliche und psychische Reaktionen in Belastungs- oder gar Gefahrensituationen. (In der medizinisch-psychologischen Fachsprache ist Stress nicht grundsätzlich negativ, sondern man unterscheidet zwischen positiv wirkendem Eustress und negativ wirkendem Disstress oder Dysstress.)
Heute ist Stress in die Allgemeinsprache gewandert und dabei – in seiner an sich negativen Bedeutung – schick geworden.
Kann man es sich überhaupt noch leisten, ohne Stress zu leben? Oder jedenfalls, ohne seinen Stress zu präsentieren? „Ich bin grad voll im Stress“ - eine absolut gängige Aussage.
Die Leistungsgesellschaft produziert und fordert Stress. Wo ist die Grenze zwischen dem Erkennen von Stress als ungünstigem Faktor und der Selbstdarstellung über Stress? Bin ich nur dann wichtig, wenn ich Stress habe?
Ist Stress vielleicht sogar ein Wort, um sich dahinter zu verstecken?
Mit Stress kann ich sowohl Rücksicht fordern als auch Respekt einholen – und  oftmals durch den Stress alle weiteren Fragen entmachten.
Stress geht immer – drückt ein Zuviel aus, aber auch eine Bedeutsamkeit und bietet Schutz vor weiteren Forderungen.
Wenn wir den Anglizismus Stress von seiner Form her ansehen, kann man kaum Einwände dagegen finden. Vom Inhalt her sollte er uns stutzig machen. Sicherlich gibt es Situationen, in denen es ungemein wichtig ist, den eigenen (Dis-)Stress zu erkennen und gegenzusteuern. Vielleicht sollten wir aber ab und zu überprüfen, was in uns und um uns passiert, wenn wir inflationär den Stress als Entschuldigung, Situationsbeschreibung oder Grund allen Übels anführen.