Auszug aus: Götzeler, Christiane (2008): Anglizismen in der Pressesprache: alte und neue Bundesländer im Vergleich. Greifswalder Beiträge zur Linguistik, Bd. 5. Bremen: Hempen.
Zu finden unter: www.hempen-verlag.de.

 

Mit der Bezeichnung Anglizismus verbindet sich eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Begriffe. Nicht nur im Alltagsdiskurs, sondern auch unter Sprachwissenschaftlern herrscht keineswegs Einigkeit darüber, was als Anglizismus zu gelten hat, wie sich Anglizismen untergliedern und die Unterkategorien benennen lassen und welche Formen von Entlehnungen sinnvollerweise in eine Untersuchung zum Anglizismengebrauch im Deutschen einbezogen werden. Daher soll an dieser Stelle in Auseinandersetzung mit der Forschung der in der folgenden Untersuchung angewandte Anglizismenbegriff dargelegt werden.

Lexikalische und semantische Entlehnungen einer Sprache lassen sich in einem ersten Schritt unterteilen in äußere Entlehnungen (ÄE) und innere Entlehnungen (IE), je nachdem, ob im Entlehnungsvorgang ausdrucksseitig fremdes Sprachmaterial in die Sprache kommt oder vorhandene Wortschatzelemente nach fremdem Vorbild in Zusammensetzung oder Bedeutung verändert werden (vgl. z.B. Yang 1990, S. 15).
Mischbildungen (MB) machen die dritte Großkategorie aus. Sie bestehen immer zu einem Teil aus einer ÄE. Der zweite Teil kann eine IE sein, womit eine Vereinigung der beiden Entlehnungsformen vorläge, er kann aber auch ein vom Englischen unabhängiges indigenes oder aus einer dritten Sprache entlehntes Wort sein.

Äußere Entlehnungen: Direkt- und Scheinentlehnungen

Direktentlehnungen

Für die Anglizismen der Kategorie Direktentlehnungen (DE) werden sowohl Form als auch Inhalt eines englischen Wortes übernommen. Dabei muss jedoch für beide Ebenen eine Einschränkung vorgenommen werden: Yang (1990, S. 11) weist darauf hin, dass „nicht unbedingt [der] vollständige Bedeutungsumfang“ ins Deutsche transferiert wird. Auch strukturalistische Erwägungen widersprechen der Annahme einer identischen Übernahme: De Saussures (2001, S. 131ff.) Begriff des Wertes (valeur) einer sprachlichen Einheit innerhalb einer Einzelsprache lässt darauf schließen, dass Bedeutungsidentität eines Wortes in verschiedenen Sprachen unmöglich ist. Langner (1980, S. 71), Schelper (1995, S. 241), Busse/Görlach (2002, S. 26f.) und Schiewe/Ros (2005, S. 78) erinnern daran, dass eine Entlehnung in der Nehmersprache in Relation zu den übrigen Wörtern des Wortfeldes neu definiert wird. Auch die formale Seite kann dem Deutschen angeglichen werden. Beispiele für assimilierte Schreibung wären Törn nach turn oder Nonsens nach nonsense; Beispiele für assimilierte Flexion wären Pluralformen wie Computer (englisch computers) oder Sponsoren (englisch sponsors). Wenn auch nur geringfügig, wird demnach durchaus substituiert. Somit ist die Bezeichnung „Nullsubstitution“ (s.o.) problematisch.

Eine vom Assimilationsgrad des Anglizismus abhängige Unterscheidung zwischen Fremdwort und Lehnwort wird seit langem – laut Fink et al. (1997, S. 28) „im Deutschen schon zum Überdruß“ – diskutiert. Die wohl einfachste Definition stammt von Carstensen (1975, S. 20): „Lehnwörter gleichen sich im Gegensatz zum Fremdwort dem Deutschen an.“ Für die Zuordnung werden in erster Linie das Ausmaß der phonetischen, flexivischen und graphemischen Angleichung des Anglizismus an deutsche Normen betrachtet. In immer neuen Versuchen der Abgrenzung sind auch die Kriterien Akzent, Alter, Gebrauchshäufigkeit und somit Geläufigkeit eines Wortes sowie die Kompositionsfähigkeit mit indigenen Wörtern einbezogen worden (vgl. Holz 1953; Iluk 1974; Schelper 1995, S. 8ff.).

Die Problematik der Grenzziehung konnte nicht beseitigt werden, Bedenken wie Seebold (1981, S. 198) sie äußert, überwiegen noch immer: „Die Grenze ist dabei nicht überall gleich scharf – der eine Sprecher hat ein schärferes Gefühl für das Fremde als der andere; auch kann bei Wörtern, die erst vor kurzer Zeit entlehnt wurden, trotz struktureller Anpassung das Bewußtsein der Entlehnung bei den Sprechern noch vorhanden sein“ (vgl. Oeldorf 1990, S. 40). Hinzu kommt das Problem, dass der Ausdruck Fremdwort, ähnlich Anglizismus, erstens Teil der Umgangssprache und dort äußerst vage definiert ist, zweitens von seinem Ursprung her ein „Kampfwort“: „Es entstammt dem radikalnationalistischen, rassistischen und radikalen fremdwortpuristischen Diskurs“ (Wiegand 2001, S. 62; vgl. Pfitzner 1978, S. 2; allgemein zur Problematik des Begriffs Fremdwort vgl. Schiewe 2000, S. 37ff.; 57; Gardt 2001, S. 34). Dass auch die Bezeichnung Lehnwort historisch nicht unproblematisch ist, zeigt Munske (2001, S. 8f.). Muhr (2002, S. 35) weist auf die Uneindeutigkeit des Begriffs Lehnwort hin, der einerseits als Oberbegriff für alle Entlehnungen dient, andererseits als Bezeichnung für eine Untergruppe dieser Entlehnungen, die bereits bestimmte Integrationsmerkmale aufweist. Aus diesen Gründen wird hier die Dichotomie Fremdwort – Lehnwort aufgegeben, die betreffenden Wörter sind alle als DE bezeichnet.

Ohne Zweifel aus der Untersuchung heraushalten sollte man folgende Bezeichnungen, die – ebenso wie ihr außersprachlicher Referent – eindeutig im englischen Sprachraum verortet sind: Namen englischstämmiger Personen, englischstämmiger Firmen und Künstlergruppen, geographische Bezeichnungen sowie Bezeichnungen für Institutionen, Organisationen o.Ä. aus dem englischen Sprachraum, rechtlich geschützte Markennamen („registered trademarks“) und Titel englischsprachiger Kunstwerke, auch Bücher und Filme. Dasselbe gilt für www in Internet- und @ in E-Mail-Adressen. Da Übersetzungen, Veränderungen oder Umschreibungen hier – außer vielleicht sprachspielerisch – undenkbar sind, kann man definitiv nicht von Anglizismen sprechen.

Anderes gilt für Film-, Theater-, Musical- und sonstige Kunsttitel, wenn die mit ihnen bezeichneten Werke deutschsprachig sind – diese Differenzierung wird in der Forschung oftmals vernachlässigt. Auch wenn die Werke aus dem US-amerikanischen Sprachraum stammen, können nicht nur ihre Texte übersetzt, sondern auch ihre Titel im Deutschen umbenannt werden. Man denke z.B. an Shakespeares Komödie Twelfth Night, die im Deutschen den Titel Was Ihr wollt trägt; oder an die deutsche Benennung Endstation Sehnsucht des ursprünglich englischen Films A Streetcar Named Desire. Geschieht bei einer Übertragung ins Deutsche keine solche Umbenennung, sind diese Titel Anglizismen und somit in die Untersuchung einzubeziehen. Inwieweit der Journalist an die Verwendung gebunden ist oder nicht, kann erst in einem zweiten Schritt untersucht werden – dies gilt nicht nur für Namen und Titel, sondern für alle Anglizismen.

Scheinentlehnungen

Scheinentlehnungen (SE) existieren in ihrer jeweiligen Form oder Bedeutung im Englischen nicht, der Einfluss ist jedoch klar erkennbar. „Das englische Sprachzeichen kann auch in einer der Ausgangssprache Englisch nicht entsprechenden Form oder Funktion im Deutschen verwendet werden“, heißt es im AWb (S. 63*), welches die betreffenden Anglizismen als „zu engl. x“ kennzeichnet (vgl. ebd., S. 62*ff.). Mehrfach werden die SE in der Forschung untergliedert in Lehnveränderungen, lexikalische und semantische Scheinentlehnungen (vgl. z.B. Yang 1990, S. 12ff.; Glahn 2000, S. 37).

Nun gibt es in der deutschen Gegenwartssprache allerdings SE, die sich nicht eindeutig der einen oder anderen Unterkategorie zuordnen lassen. Beispielsweise könnte man bei Cinemaxx und BioCon-Valley sowohl eine Kategorisierung als lexikalische SE als auch als Lehnveränderung begründen; zusammengesetzte Namen wie Pretty Ugly, Strange Brew, Crazy Boys, Fly In, Red Ink, Event Now, Red light nine sowohl als semantische SE als auch als lexikalische SE einordnen (Beispiele aus dem Korpus). Auch in der Forschungsliteratur deutet sich dieses Problem an: Während Yang (1990, S. 13) Smoking als Lehnveränderung einordnet, ist er für Langner (1995, S. 29) eine semantische SE (zur Problematik dieser SE vgl. aber auch AWb, S. 64*). Um die oben genannten Unterkategorien aufrechtzuerhalten, wären hier weitere Definitionen und Abgrenzungen nötig. Zweckmäßiger für die vorliegende Arbeit ist jedoch eine Zusammenfassung all dieser Erscheinungen in eine Kategorie Scheinentlehnungen.

Kontrovers ist die Diskussion und Bewertung der SE. Dies spiegelt sich bereits in ihren vielfältigen Bezeichnungen wider, wie „Sekundärentlehnungen“ (Zindler 1959, S. 37; Carstensen 1975, S. 24), „Pseudoentlehnungen“ (Fink et al. 1997, S. 27; Fink 2001, S. 48), „Pseudoanglizismen“ (Molitor 2001, S. 66; Busse 2004, S. 84), „pseudo-amerikanische Wortbrocken“ (Däßler 2001, S. 93), „unechte Entlehnungen“ (Zürn 2001, S. 34), „Geisterwörter“ (Lehnert 1986, S. 59; ders. 1990, S. 176; ders. 1991, S. 10; Leisi/Mair 1999, S. 218), „Falschentlehnungen“ (Lehnert 1990, S. 176), „falsche Freunde“ (Carstensen 1980a, S. 94), „Quasianglizismen“ (Stickel/Volz 1999, S. 20), „English Sickness“ (Perkins 1977), „Selfmade-English“ (Buck 1974), „Wörterbruch“ und „Wortbastarde“ (Zimmer 1997, S. 22f.), „lächerlich falsche bis sinnlose Wortbastarde“ vonseiten des Vereins deutsche Sprache (http://vds-ev.de/denglisch; 21.4.2008).

Zimmer (ebd., S. 23) fasst die gegensätzlichen Haltungen zusammen: „Entzücken steht gegen Schaudern.“ Dass SE ein Anzeichen für die Intensität des englischen Einflusses auf das Deutsche sind, betonen auch Schmidt/Langner (2000, S. 174), Bär (2001, S. 174) und Schmitz (2001, S. 715; ders. 2002, S. 141). SE werden zum einen als Illustration dessen gesehen, dass sich die deutschen Sprecher das Englische nicht einfach „überstülpen“ lassen, als Beleg für die fortdauernde Kraft und Lebendigkeit der deutschen Sprache.
Zum anderen rufen gerade sie, v.a. im nichtwissenschaftlichen Diskurs, die Forderung hervor, man solle Englisches, wenn, dann wenigstens korrekt verwenden und sich nicht mit einem „ungekonnte[n] Anbiederungsversuch“ und einer „Peinlichkeit“ lächerlich machen (Zimmer 1997, S. 35f.). Dem wiederum setzt Bär (2001, S. 174) entgegen: „Wer solche Neubildungen als sprachlich-kulturelle Rückgratlosigkeit (‚linguistic submissiveness’) deutet, übersieht, dass es sich dabei um ein legitimes und seit Jahrhunderten bewährtes Mittel der Sprachbereicherung handelt.“ Und wenn Busse/Görlach (2002, S. 29) erklären: „Incomplete competence in the donor language (or a failure to accept its prescriptive norms for borrowed items) can lead to English-looking items which do not exist in English itself”, so ist hervorzuheben, dass – anhand empirischen Materials offensichtlich – der in Klammern genannte Fall, die Widersetzung gegen Normen, d.h. auch das kreative Spiel mit Normen, der häufigere ist. In der Auswertung des Korpus soll diesem Phänomen spezielle Beachtung geschenkt werden (siehe 5.2).

Mischbildungen

Mischbildungen (MB) sind Kombinationen aus einem englischen bzw. englisch beeinflussten Teil und einem nicht-englischen Teil, aus dem Korpus der vorliegenden Arbeit beispielsweise Fitnesszentrum, CD-Spieler, Lichtcheck, SED-Boss, Paloma-Disko, Live-Klaviermusik, Profi-Bürger. Einige Autoren versuchen der unterschiedlichen Entstehungsgeschichte der MB Rechnung zu tragen, indem sie differenzieren zwischen MB nach englischem Vorbild: Haarspray nach hair spray, CD-Spieler nach CD-Player; und MB ohne englische Vorlage: Managerkrankheit nach stress disease; aus dem Korpus auch SED-Boss, Paloma-Disko, Profi-Bürger (vgl. z.B. Yang 1990, S. 15; Meyer 1974).

MB nach englischem Vorbild schlagen die Brücke von den ÄE zu den IE: Fink (1970, S. 14) definiert sie als „echte Teilsubstitutionen“ und als „Ausdrücke, in denen ein fremdsprachlicher Teil durch einen deutschen Teil in Gestalt von Lehnübersetzung, Lehnübertragung, Lehnschöpfung, Lehnwendung oder Lehnbedeutung ersetzt worden ist“ (ebd., S. 18; erläuternd dazu auch Glahn 2000, S. 38f.). MB ohne IE nennt Fink (1970, S. 14) auch „unechte Teilsubstitutionen“. Damit ist die Problematik der Bezeichnung „Teilsubstitution“ aufgezeigt, die in Abgrenzung gegen so genannte Nullsubstitutionen (s.o.) gebraucht wird: Wenn im Deutschen – ohne englisches Vorbild – ein englisches und ein nicht-englisches Wort zusammengesetzt werden, ist der Ausdruck „Substitution“ nicht angemessen (vgl. Engels 1976, S. 19f.; Langner 1986, S. 406; Yang 1990, S. 139; 169; Langner 1995, S. 23; Glahn 2000, S. 72).
Allerdings weist auch beinahe jeder der Autoren, die die genannte herkunftsgeschichtliche Zweiteilung vornehmen, auf die Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Da es in der vorliegenden Untersuchung in erster Linie um das synchronisch betrachtete Ergebnis des Entwicklungsprozesses geht, um den Gebrauch des Sprachzeichens in der Presse, ist es sinnvoll, diese Unterscheidung zu vernachlässigen.

Der englische Teil kann auch eine SE sein (z.B. Profi-Bürger), die MB ist dann im Gegensatz zu Mischbildungen mit Direktentlehnungen (MB mit DE) als Mischbildung mit Scheinentlehnung (MB mit SE) einzuordnen. In der vorliegenden Arbeit werden MB nicht auf Substantivkomposita beschränkt, sondern umfassen auch Zusammensetzungen anderer Wortarten wie hobbymäßig, clientseitig, weiterrocken, außerdem Verbindungen von englischen Wörtern mit nicht-englischen Derivationsmorphemen, wie poppig, stressig oder Partnerschaft – deshalb ist die ebenfalls gebräuchliche Bezeichnung „Mischkomposita“ (z.B. Carstensen et al. 1972; Meyer 1974; Viereck 1980a; Oeldorf 1990) hinfällig.
Dass MB von manchen Sprachteilhabern „offensichtlich als besonders störend empfunden werden“, findet Stickel (1984, S. 294) heraus. Interessant ist, dass in der Forschung die Verwendung englischen Ausdrucksmaterials in Form einer MB einerseits als Anhaltspunkt für fortgeschrittene Integration angesehen wird (vgl. Wilss 1966, S. 47; Langner 1986, S. 406; 408; Lehnert 1990, S. 132; Busse/Görlach 2002, S. 26), andererseits als frühe Stufe und als Mittel der Integration (vgl. Meyer 1974, S. 125). Wie sich dies anhand des Pressesprachgebrauchs von 1991, 2001 und 2004 belegen lässt, wird zu untersuchen sein.

Innere Entlehnungen: Lehnbedeutungen, -übersetzungen, -übertragungen

Lehnbedeutungen

Unter Lehnbedeutung (LB) versteht man „die Übernahme der Bedeutung eines fremdsprachigen Ausdrucks in ein bereits vorhandenes Wort der Nehmersprache“ (Glück 2005, S. 374).
Dabei muss einer LB nicht zwingend eine direkte formale Wortverwandtschaft zugrunde liegen: Herausforderung beispielsweise hat sich nach dem Vorbild challenge von einem Fachwort der Kampfes- oder Kriegssprache zu einem multifunktional einsetzbaren Ausdrucksbaustein gewandelt (vgl. Korlén 1969, S. 11; Hopfer 1996, S. 97; AWb, S. 641; 5.3.1 und 5.3.2 der vorliegenden Arbeit).

Lehnübersetzungen

Eine Lehnübersetzung (LÜS) ist die „genaue Glied-für-Glied-Übersetzung“ (Betz 1949, S. 27; dort bezogen auf Entlehnungen aus dem Lateinischen) einer englischen Zusammensetzung – sofern man bei einer Übersetzung jemals von „genau“ sprechen kann: Im AWb (S. 53*) wird an die „Problematik des Begriffes ‚Übersetzung’“ erinnert und die Bezeichnung „nächste lexikalische Entsprechung“ vorgeschlagen.
> Beispiele für LÜS sind Teilzeitarbeit nach part time work, Gipfeltreffen nach summit meeting. LÜS sind auch recht häufig, um im englischen Sprachraum entstandene Produkte zu benennen, wie der Film- und Romantitel Die Farbe Lila nach The Color Purple. Steffens (2003, S. 6) urteilt über LÜS, die kein Anglizismen-Synonym neben sich haben: „Solche Fälle können in Bezug auf die Integration fremden Wortschatzes als Idealfall angesehen werden.“

Lehnübertragungen

Lehnübertragungen (LÜT) können entstehen, wenn die Übersetzung eines englischen Kompositums – aus teilweise schwer durchschaubaren Gründen (vgl. AWb, S. 55*f.) – nicht realisierbar ist: Ein Teil des englischen Vorbilds wird übersetzt, der nicht übersetzbare frei übertragen. Hock/Joseph (1996, S. 265) zeigen am Beispiel des nicht existenten *Himmelskratzer wortfeldbezogene Ursachen auf. Lehnert (1990, S. 118) führt Beispiele wie Cocktail, Cowboy und Evergreen an, die nicht zu *Hahnenschwanz, *Kuhjunge und *Immergrün werden können (vgl. Langner 1995, S. 23).
Eine LÜT ist z.B. Freizeitpark nach amusement park (interessanterweise gibt es in diesem Fall die parallele LÜS Vergnügungspark).

(Lehnschöpfungen)

Viele Forscher inklusive Betz nennen in der Reihe der IE auch Lehnschöpfungen (z.B. Zindler 1959, S. 36; Meyer 1974; Carstensen 1975). „Eine Lehnschöpfung ist eine vom Zeicheninventar der Gebersprache vollkommen unabhängige Neubildung zur Bezeichnung des semantischen Gehalts eines Lexems der Gebersprache innerhalb der Nehmersprache“, definiert Glahn (2000, S. 40) und nennt Beispiele wie Kunststoff für plastic oder Fertiggericht für fast food. Anzumerken ist jedoch, dass sich das Denotat des amerikanischen fast food von dem des deutschen Fertiggericht unterscheidet. Schwerwiegend sind die von Schelper (1995, S. 13) formulierten Bedenken: „Es fehlt eine linguistische Beziehung zwischen den Monemen der beiden Sprachen, sowie auch zwischen Inhalt und Ausdruck. Es handelt sich vielmehr um einen monolinguistischen Vorgang.“ Ähnlich argumentiert Seebold (1981, S. 199). Aus diesen Gründen wird hier die Kategorie Lehnschöpfung aufgegeben.

(Lehnwendungen)

Auch die Kategorie Lehnwendungen wird im Folgenden nicht verwendet; die betreffenden Anglizismen werden unter LÜS bzw. in Einzelfällen unter LÜT subsumiert. Als einziger Unterschied zwischen Lehnwendungen und LÜS/LÜT wird in der Forschung geltend gemacht, dass Lehnwendungen „Nachbildungen einer fremdsprachlichen Redensart sind [kursiv C.G.]“ (Carstensen 1975, S. 23), wie Licht am Ende des Tunnels (sehen) nach (to see) light at the end of the tunnel. Das Entlehnungsprinzip ist dasselbe, eine eigene Klassifizierung demnach nicht nötig. Zudem gibt es Redewendungen, die frei übertragen wurden, z.B. im selben Boot sitzen nach to be in the same boat (Beispiel aus Carstensen 1975, S. 23; fett C.G.). Um solche Fälle exakt zu fassen, müsste man weitere Unterkategorien der Lehnwendungen bilden, der Aussagewert wäre jedoch kaum größer.

Besonders interessant sind die IE – ähnlich den SE (vgl. 2.6.1) – aufgrund der von ihnen ausgehenden Implikationen und ihrer Bewertung. Dass sie „auf eine besonders intensive Begegnung der beiden Sprachen, aber auch der beiden Sprachgemeinschaften schließen [lassen]“ (Carstensen 1965, S. 254), wird nirgends bezweifelt. Kontrovers ist ihre Beurteilung: Von „Übersetzungssünden“ und einer „Sprachverfremdung“, die „entschieden zurückzuweisen“ sei, spricht Fröhlich (1962, S. 20). Hoberg (2000, S. 309) gibt zu bedenken, dass die IE – er behandelt hauptsächlich LB – „schleichend eine strukturell-semantische Angleichung des Deutschen […] an das Englische bewirken [können]“, was zu einer „Verarmung menschlicher Erkenntnis“ zu führen drohe.

Andererseits werden die IE oft gar nicht beachtet oder für nicht bedrohlich erachtet: Wallberg (1957, S. 292) bemerkt am Ende seiner Ausführung über die „unauffälligen Verengländerungen“: „Zum Schluß möchte ich nicht unerwähnt lassen, daß es auch Lehnübersetzungen gibt, gegen die nichts einzuwenden ist, da sie eine Lücke ausfüllen oder eine Bereicherung darstellen.“ Barth (1957, S. 187) hebt aus der Gruppe der LÜS weltweit hervor: „[Sie] ist gut und brauchbar; sie gibt ein schönes, allgemeinverständliches Bild.“ Nach welchen Kriterien eine solche Trennung zu vollziehen ist, lassen jedoch beide offen. Speziell in der nichtwissenschaftlichen Diskussion über Anglizismen werden IE als Mittel angesehen, die Übernahme ausdrucksseitig englischen Sprachmaterials in die deutsche Sprache zu vermeiden. Beispielsweise werden IE auf den Internetseiten des Vereins deutsche Sprache (http://www.anglizismenindex.de; 21.4.2008) sowie im Wörterbuch überflüssiger Anglizismen von Bartzsch et al. (2004) als Alternativen zu englischen Entlehnungen angegeben.

Abb. 2-2 bietet abschließend eine Übersicht über alle Kategorien der lexikalischen und semantischen Entlehnungen und ihre Beziehungen zueinander.

begriffserklärung entlehnungstypen

Abb. 2-2: Entlehnungstypen nach Definition der vorliegenden Arbeit

 

Zusammenfassung und Schluss

Die vorliegende Arbeit ging aus von der Darstellung sprachgeschichtlicher Entwicklungen und metasprachlicher Diskussionen sowie theoretischen Überlegungen zur Pressesprache und zur Klassifikation und Erfassung von Anglizismen. Auf diesem Hintergrund basiert die empirische Untersuchung der Freiburger Badischen Zeitung (BZ) und der Greifswalder Ostsee-Zeitung (OZ), deren zentrale Ergebnisse nun zusammengefasst werden sollen.

Für das Jahr 1991 deutet ein quantitativer Vergleich der Anglizismen in OZ und BZ nicht nur auf eine sprachliche Anpassung der ostdeutschen Sprachgemeinschaft an den Westen, sondern darüber hinaus auf einen hohen gesellschaftlichen Wert der Anglizismen in den neuen Bundesländern hin: Die OZ verwendet signifikant mehr Anglizismen als die BZ, davon einen vergleichsweise hohen Anteil in den „Blickfangkontexten“ Überschrift und Bildunterschrift. Aus dem gesellschaftlichen Kontext kann man für die OZ 1991 ein Zusammenspiel von Anpassungsdruck und Vereinigungseuphorie vermuten. Zu bedenken ist aber auch, dass es in der vorliegenden Untersuchung – wie in den meisten empirisch orientierten Arbeiten – lediglich um einen Teilbereich der Sprache (Anglizismen in der Pressesprache) geht und keine allzu weitgehenden Schlüsse auf die Gesamtsprache gezogen werden sollten.
Qualitativ sind die Entlehnungen der OZ 1991 tendenziell konservativer als die der BZ: Die ostdeutsche Zeitung weist einen vergleichsweise hohen Anteil so genannter nach 1945 produktiver Anglizismen und mehrfach verwendeter Entlehnungen auf, ihr Lehngut ist aufs Ganze gesehen stärker assimiliert als in den anderen Feldern und öfter mit Bindestrichverknüpfung übersichtlich graphisch gestaltet. Unter den als fakultativ klassifizierten Anglizismen befinden sich eine große Anzahl älterer und etablierter Anglizismen. Insgesamt kann man in diesen Unterschieden ein ansatzweise beharrendes Moment in der ostdeutschen Zeitung ein Jahr nach der „Wende“ erkennen. DDR-spezifische Anglizismen bzw. Anglizismen mit DDR-spezifischer Bedeutung sind 1991 nur noch vereinzelt vorhanden: Plast und Protestmeeting. Das Wortfeld Computer illustriert sowohl die fortschreitende Technisierung in den neuen wie alten Bundesländern als auch den ostdeutschen Anpassungsprozess an Westdeutschland.

Zwischen 1991 und 2001 findet in beiden Zeitungen quantitativ eine signifikante Zunahme, qualitativ eine bedeutsame Weiterentwicklung statt. Gemessen an äußeren Entlehnungen und Mischbildungen geht die Anglizismenzahl zwischen 2001 und 2004 wieder etwas zurück, was eine Auswirkung anglizismenkritischer Tendenzen in der Sprachgemeinschaft andeutet. Zwischen west- und ostdeutscher Zeitung sind 2001 und 2004 keine signifikanten Unterschiede mehr festzustellen.

Der Anteil der äußeren Entlehnungen und Mischbildungen, bei denen fremde Ausdruckselemente in die Sprache kommen, nimmt zwischen 1991 und 2001 gegenüber dem der inneren Entlehnungen zu. Zwischen 2001 und 2004 wird wiederum der Anteil innerer Entlehnungen größer, in der BZ mehr als in der OZ, so dass unter Einbezug der inneren Entlehnungen in der westdeutschen Zeitung kein signifikanter quantitativer Unterschied zwischen 2001 und 2004 festzustellen ist. Nach Wortarten steigt zwischen 1991 und 2001 die Zahl der als Sonstige einzuordnenden Anglizismen, zudem weisen diese 2001 und 2004 originellere und komplexere Strukturen auf. Unter den Verben und Adjektiven sind 2001 und 2004 weniger nach 1945 produktive Anglizismen als 1991, d.h. mehr auch formal junge Nicht-Substantive.

Im Bereich des Formalen werden zwischen 1991 und 2001 Schreibungen entsprechend englischer Orthographie (insbesondere Klein- und Getrenntschreibung) häufiger und potentielle syntaktische Kontexte für Nicht-Substantive durch native und vereinzelt fremde Morpheme erweitert. Der Aufbau der Mischbildungen zeigt ebenfalls eine erhöhte Flexibilität und Kreativität im Umgang mit dem fremden Sprachmaterial.

Auf inhaltlicher und funktionaler Ebene nimmt – für die OZ noch deutlicher als für die BZ – die Bedeutung der Scheinentlehnungen zu, welche Rückschlüsse auf bestimmte Segmente der Sprachgemeinschaft nahelegt. Der Gebrauch dieser Entlehnungskategorie in der OZ spiegelt eine Eigenständigkeit des ostdeutschen Anglizismengebrauchs wider. Weiterhin bestehende ostspezifische Anglizismen reduzieren sich 2001 auf die Mischbildung Plastekasten, die zudem dialektale Relevanz besitzt. 2004 findet sich kein ostspezifischer Anglizismus mehr. Angenommen werden kann, dass die Anglizismen 2001 und 2004 mehr Verständnisprobleme aufwerfen als 1991.

Bezüglich Verwendungsmotivationen findet zwischen 1991 und 2001 eine Intensivierung im Einsatz der Anglizismen zum Vermitteln von Kolorit, zum Erreichen sprachlicher Ausdruckskraft und semantisch-stilistischer Aufwertung statt. Während beim Vorangegangenen kein entscheidender Unterschied zwischen 2001 und 2004 zu erkennen ist, könnten einzelne Beispiele für eine Abwertung des außersprachlichen Referenten durch einen Anglizismus wiederum auf eine zunehmend kritische Haltung im Journalismus gegenüber dem Gebrauch von Anglizismen hinweisen. Eindeutige Aussagen sind jedoch noch nicht möglich und müssen zu erwartenden Forschungsarbeiten in den kommenden Jahren überlassen werden. Dies gilt auch für einen leichten Rückgang der Anglizismen in „Blickfangstellung“ in der OZ zwischen 2001 und 2004.

Übereinstimmend ist für alle Felder der geringe Anteil der Anglizismen an der Gesamtwortmenge (rund ein Prozent), der dem Eindruck eines übermäßigen Anglizismengebrauchs widerspricht. Zudem ist für das Gesamtkorpus eine klare Dominanz obligatorischer Entlehnungen festzuhalten. Zu bedenken ist dabei einerseits, dass der Pressesprachgebrauch als grundsätzlich progressiver gilt als der des „Durchschnittssprechers“. Andererseits darf nicht vergessen werden, dass derartige prozentuale Berechnungen lediglich einen Durchschnittswert darstellen und z.B. wenig über die Anglizismenkonzentration einzelner Artikel aussagen.

Auf quantitativer Ebene findet sich in allen Feldern eine hohe Anzahl innerer Entlehnungen und eine Dominanz der Substantive, auf formalem Gebiet eine tendenzielle Gegenläufigkeit von Schreibung (kaum Assimilation) und Flexion (weitgehende Assimilation) – die Beurteilung von Tendenzen der Flexion ist jedoch von der Bewertung des s-Plurals als fremd oder nativ abhängig. Inhaltlich bestehen zwischen OZ und BZ 1991, 2001 und 2004 viele Überschneidungen bezüglich der am häufigsten gebrauchten Anglizismen, auch mit anderen Forschungsarbeiten; weithin analog ist für die sechs Felder zudem die Verbreitung der nach Pörksen benannten „Plastikwörter“. Die Journalisten beider Zeitungen und Jahrgänge verwenden wenig Fremdheitsmarkierer, Erklärungen sind eher selten.

In verschiedenen Bereichen ist eine auffallende Uneinheitlichkeit, teilweise innerhalb eines Feldes, festzustellen; speziell bei der Verknüpfung zu Komposita mit oder ohne Bindestrich, bei der typographischen Markierung der Anglizismen durch Anführungszeichen sowie bei Nennung oder Nichtnennung des Basislexems von gekürzten Ausdrücken.

Deutlich bestätigt die vorliegende Untersuchung das Prestige der englischen Sprache, welches auf dem übergreifenden Prestige der USA basiert, sowie damit zusammenhängend die tief verwurzelte USA-Orientierung der deutschen Gesellschaft. Unterstützt werden positive Konnotationen des Englischen durch den Status dieser Sprache als Weltsprache.

Auf theoretisch-methodologischer Ebene hat sich die in dieser Arbeit entworfene Klassifikation der Anglizismen bewährt. Die Ergebnisse bestätigen, dass eine Vernachlässigung der inneren Entlehnungen allein aufgrund ihrer Quantität verfehlt wäre. Zweckmäßig ist – angesichts einiger neuer Scheinentlehnungen, die sich nicht eindeutig in die gängigen Kategorien Lehnveränderungen, lexikalische und semantische Scheinentlehnungen einordnen lassen, – die Verwendung einer einzigen Kategorie Scheinentlehnungen. Die im Korpus auftauchenden Kurzwörter lassen sich sinnvoll unterteilen in Blendings, Initialwörter, Silbenkurzwörter, Abtrennungs-, Ausklammerungs- und Suffigierungswörter. Die Betrachtung von Erklärungen sollte über direkte hinaus auf indirekte Erklärungen ausgedehnt werden.

Bezüglich der Diskussion über mögliche Alternativen für Anglizismen ist eine klare Bestimmung von Hintergrund und Ziel sowie Grenzen der Diskussion unerlässlich. Die Untergliederung des vorliegenden Anglizismenkorpus in fakultative und obligatorische Entlehnungen (zu letzteren sind auch durch den Kontext determinierte Entlehnungen zu rechnen) zeigt zudem, dass Zahlen allein wenig aussagekräftig sind und durch differenzierte inhaltlich-funktionale Betrachtungen ergänzt werden müssen.

Eine Trennung von Entlehnungs- und Verwendungsmotivation ermöglicht – bei aller Schwierigkeit der Bestimmung von Motivationen – die Gegenüberstellung von funktionalen Aspekten des Anglizismengebrauchs und allgemeinen Anforderungen an die Pressesprache. Die Untersuchung hat auch Beispiele für Anglizismen gezeigt, die in ihrem Kontext nicht zweckdienlich erscheinen. – Der Maßstab der Verständlichkeit sollte immer bedacht, allerdings auch nicht absolut gesetzt werden. Der alltägliche „Drahtseilakt“ des Journalisten besteht im Abwägen vieler unterschiedlicher Faktoren, um zum Lesen zu motivieren und Inhalte sachlich und sprachlich angemessen zu vermitteln.

Die vorliegende Arbeit beleuchtet den Anglizismengebrauch der Presse in den alten und neuen Bundesländern. Es ist abzusehen, dass Linguisten in Ost- und Westdeutschland die künftige Entwicklung ihrer Sprache zunehmend diachronisch und immer weniger synchronisch, als Vergleich zwischen alten und neuen Bundesländern, ergründen werden. Anglizismen werden der Forschung weiterhin einen Reichtum an Fragen bieten – nicht nur ihre quantitative Weiterentwicklung, sondern beispielsweise auch Aspekte ihrer Flexion, ihrer Verwendungsweise und ihrer Beziehung zu bestehenden Ausdrücken im Deutschen.