Kann ich statt News auch Nachrichten sagen? Schon wieder Sale – warum kein Schlussverkauf? Warum sitze ich seit Neuestem in einem Meeting statt in einer Sitzung oder Besprechung? Was ist besser – posten oder schreiben, Account oder Konto, Single oder Alleinstehende(r), Leasing oder Mietkauf? Gibt es ein Äquivalent zur Patchworkfamilie oder zum Brunch? Wie übersetze ich Event?

Anglizismus – ja oder nein? Und was wäre eine angemessene Alternative? Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Antworten keineswegs so einfach sind, wie man zuerst glauben mag. Anders formuliert: Das Thema ist noch viel interessanter, als es auf den ersten Blick scheint.

 

Um dies zu verdeutlichen, müssen wir auf eine wesentliche Frage zurückgehen: Was tun wir eigentlich mit Sprache?

Tagtäglich loben und lehren wir, wir kaufen und kommandieren, wir verhandeln und verurteilen, wir gestehen, fragen und organisieren, wir erklären und erzählen, prahlen, trösten und spielen … mit und durch Sprache.

Sprache ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Sie funktioniert meist „nebenbei“, zumindest unsere Muttersprache – und das ist auch gut so. Unser Gehirn wäre vollkommen überfordert, wenn es jedes einzelne Wort, das uns über die Lippen kommt, erst gründlich abwägen und durchdenken müsste.

Sprache ist aber zugleich etwas, mit dem wir unglaublich viel bewirken – ein unschätzbarer Wert, eine Kostbarkeit, die es wertzuschätzen gilt. Es lohnt sich, und es macht Spaß, immer wieder ganz bewusst über Sprache nachzudenken. Denn wir gestalten und bestimmen große Teile unseres Zusammenlebens durch Sprache.

Stellen Sie sich einmal vor – was wäre eine Schule, eine Kirche, ein Gerichtssaal, ein Geschäftsessen, eine Arztpraxis, ein Fernseher oder eine Bücherei ohne Sprache?

Wenn wir genauer überlegen, wie wir mit Sprache agieren, so erkennen wir, dass bei jeder Äußerung verschiedene Ebenen relevant sind. Wir tun also beim Sprechen und Schreiben immer mehrere Dinge gleichzeitig.

Es gibt verschiedenste Theorien und Darstellungen – aus der Sprachwissenschaft (Pragmatik), aber natürlich auch aus der Psychologie und Soziologie – die die Vielschichtigkeit einer sprachlichen Äußerung beleuchten. Drei richtungsweisende Theorien seien hier genannt.

Das Organonmodell von Karl Bühler stammt bereits von 1934. Darin stellt Bühler drei Funktionen der Sprache vor: die Darstellungs-, die Appell- und die Ausdrucksfunktion. Das Zeichen ist demnach nicht nur Symbol für Gegenstände und Sachverhalte, sondern auch Signal an den Hörer und – nicht zuletzt – Symptom für den Sprecher.

Große Bekanntheit hat – eng mit Bühler verwandt – das „Kommunikationsquadrat“ oder „Vier-Seiten-Modell“ von Friedemann Schulz von Thun erlangt. In seinem Standardwerk „Miteinander reden“ (1. Auflage von 1981) geht Schulz von Thun darauf ein, dass jede Nachricht einen Sachinhalt, einen Aspekt der Selbstoffenbarung, eine Botschaft über die Beziehung der Kommunikationspartner und einen Appell beinhaltet – und vom Gegenüber, je nach Kontext und Befindlichkeit, schwerpunktmäßig auf dem Sach-, dem Beziehungs-, dem Selbstoffenbarungs- oder dem Appell-Ohr aufgenommen wird. Dass dies zu Interpretationsproblemen führen kann und was dies für die Kommunikation bedeutet, ist das zentrale Thema von Schulz von Thun.

Aus dem sprachwissenschaftlichen Rahmen sei außerdem die sogenannte Sprechakttheorie (entstanden in den 1950er-/1960er-Jahren) erwähnt. Auch John L. Austin und John R. Searle beschäftigen sich mit der Frage, wie Kommunikation (hier im engeren Sinne: der „Sprechakt“) funktioniert und wann und weshalb es zu Problemen kommt.

Kurz zusammengefasst lässt sich nach Austin und Searle der Sprechakt untergliedern in den Äußerungsakt (Laute, Wörter, Sätze), den propositionalen Akt (die Aussage über die Welt), den illukotionären Akt oder die Illokution (die Intention des Sprechers, die für Austin und Searle im Mittelpunkt des Interesses steht) sowie den perlokutionären Akt oder die Perlokution (die beabsichtigte Wirkung beim Hörer). Interessant sind natürlich vor allem solche Sprechakte, bei denen die Illokution nicht auf den ersten Blick offenbar ist, bei denen Indirektheit oder versteckte Motive eine Rolle spielen.

Dieser kurze Einblick soll an dieser Stelle genügen, um zu zeigen: Die Vielschichtigkeit des sprachlichen Handelns gilt es im Blick zu halten, wenn man über Sprache nachdenkt, Sprache sinnvoll einsetzen möchte oder Sprache bewertet.

Es ist logisch, dass dabei äußere Faktoren eine entscheidende Rolle spielen und die bei Schulz von Thun oder bei Austin und Searle angesprochenen Ebenen unmittelbar bedingen – Faktoren wie Zeitpunkt und Ort des Kommunikationsgeschehens, dessen Ziel und die Rollen sowie der Vertrautheitsgrad der Teilnehmer – allgemein gesagt: der gesamte Rahmen für die sprachliche Interaktion.

Sprachliche Erscheinungen können folglich höchstens ansatzweise bewertet werden, wenn man beim einzelnen Wort bleibt und dieses losgelöst von seinem Kontext betrachtet. Eine wirklich fundierte Betrachtung ist nur dann möglich, wenn der Verwendungszusammenhang in den Blick rückt, wenn man berücksichtigt, wer in welchem Rahmen mit oder zu wem spricht bzw. schreibt und – ganz wesentlich – mit welcher Absicht.

Um einige Beispiele zu nennen: Ein Lehrer erklärt seinen Schülern die Regeln des Konjunktivs. Teenager unterhalten sich über das vergangene Wochenende. Ein Arbeitssuchender will im Bewerbungsgespräch glänzen. Ein Wissenschaftler hält vor Kollegen einen Vortrag über die neuesten Erkenntnisse seines Fachbereichs. Eine Mutter beantwortet die unerschöpflichen philosophischen Fragen ihres vierjährigen Kindes oder erzählt ihm zum Einschlafen ein Märchen. Ein Journalist schreibt einen Bericht über die Wirtschaftslage in Russland. Ein Mann macht der Liebe seines Lebens einen Heiratsantrag. Ein Schriftsteller verfasst ein Herbstgedicht …

Kann man die Wahl der sprachlichen Mittel in all diesen Fällen denselben Kriterien unterziehen? Natürlich nicht. Denn nicht nur das Thema, sondern auch Sprecherrollen und Sprecherpersönlichkeit, Rezipienten bzw. Interaktionspartner, Wissenshintergrund, Motive und Intentionen beider Seiten usw. unterscheiden sich von Grund auf. Die Suche nach dem treffenden Wort bekommt damit einen weiten und unglaublich spannenden Horizont.

Wann ist sprachliche Kommunikation nun „sinnvoll“ oder „erfolgreich“? Eine mögliche Antwort könnte sein: Sprachliche Interaktion ist dann erfolgreich, wenn die intendierte Botschaft auf angemessene Weise beim Rezipienten ankommt.

Vor diesem Hintergrund kann man zumindest in Frage stellen, ob Ausdrücke wie Slip Seamless im Prospekt eines flächendeckend verbreiteten Geschäfts zielführend sind oder ob es sinnvoll ist, ein Sommerferienprogramm Fun for Kids zu nennen. Oder würden Sie auf Anhieb verstehen, was Ihnen unter der Bezeichnung DIY-Kits – nicht zu verwechseln mit Kids – angeboten wird?

Zur Auflösung des Rätsels: DIY ist die Abkürzung von Do it yourself, ein Kit beschreibt eine Zusammenstellung von (Handarbeits-)Materialien, mit denen man kreativ tätig werden kann. Zu finden ist dies beim Portal DaWanda, dessen Sortiment nach eigener Angabe Products with Love bietet – auch um der Aufforderung Be unique! nachzukommen, im Zweifelsfall mithilfe eines DIY Tutorials.

Und tatsächlich wäre auch darüber nachzudenken, ob wahllos Situationen, in denen Verkaufsware zu reduzierten Preisen angeboten (oder zumindest mit einem roten Schild ausgezeichnet) wird, als Sale bezeichnet werden sollten. Sprachliche Originalität – die vielleicht auch werbewirksamer wäre – kommt hier nicht unbedingt zum Tragen. Da wirken Preissturz, Rausverkauf, Satte Rabatte o. ä. markanter.

Auf der Basis der verschiedenen Kommunikationsebenen lässt sich andererseits aber auch das Thema Jugendsprache und Anglizismen differenzierter betrachten. Wenn Jugendliche untereinander von chillen (chillig, voll gechillt), LOL (‚laughing out loud‘) oder einem Hoodie sprechen, wenn sie voten, ihren Style pimpen oder zum Gleichaltrigen du bist so fail sagen, so kann man sich natürlich fragen, ob es dafür nicht Äquivalente und Alternativen gäbe. Wenn diese Ausdrücke aber wirklich als Jugendsprache erkannt werden, zu deren Charakteristika nicht nur die Schnelllebigkeit, sondern auch die Abgrenzungsfunktion gegenüber Älteren und Jüngeren gehören, und wenn die Nutzer dieser Ausdrücke genau wissen, dass diese Wörter nur in bestimmten Kommunikationsbereichen (im Gespräch mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten) ihren Zweck erfüllen, nicht aber im Deutschaufsatz oder im Bewerbungsgespräch, dann wirken sie immerhin weniger bedrohlich für das Deutsche an sich. Nach Schulz von Thun: Auf welchem „Ohr“ (Sach-, Beziehungs-, Selbstoffenbarungs- oder Appell-Ohr) würden sie derartige Äußerungen vorrangig verstehen?

Außerdem bieten diese Überlegungen viele Erklärungen, warum in bestimmten Kontexten ein Anglizismus auftaucht (vorerst ohne Bewertung).

Es ist nicht abzustreiten: Wer mit haufenweise Sessions und Talks, Concepts, Keys und Goodies, Challenges und Battles um sich wirft, ungeachtet des Publikums, dem kann unterstellt werden, dass er sich in einer Situation befindet, in der er mit aufgesetzter Lockerheit und einem flotten Auftreten imponieren möchte, sich vielleicht auch abgrenzen möchte von anderen Gruppen, die mit neuen (Sprach-)Erscheinungen nicht so entspannt umgehen. Um zur Bewertung zu kommen: Ist dann wirklich der Anglizismus selbst das Fragwürdige dieser Äußerung oder vielmehr die dahinterstehende Haltung?

All diese Beispiele zeigen auch, dass die reine Herkunft eines Wortes zwar durchaus interessant und bedenkenswert ist, das Nachdenken über die Angemessenheit eines Ausdrucks aber weit darüber hinausgehen sollte. Salopp formuliert: Wer sich in Szene setzen will, schafft dies in der Regel auch ohne Anglizismen.

Erstrebenswert – und zugleich persönlich faszinierend – ist hingegen ein reflektierter, respektvoller und zugleich lustvoller Umgang mit Sprache.

Eine Haltung, die – bei aller Selbstverständlichkeit im sprachlichen Alltag – doch immer wieder innehält und sich sprachliche Entscheidungen bewusst macht, Entscheidungen, die sich z. B. an folgenden Leitfragen orientieren:

  • Was will ich meinem Gegenüber vermitteln?
  • Was ist meine wahre Intention?
  • Wen will ich ansprechen? Möchte ich wirklich verstanden werden?
  • Was möchte ich über mich selbst aussagen?
  • Welche Nuancen will ich ausdrücken?

Letztlich lautet die zentrale Frage: Was will ich wirklich sagen? Es lohnt sich immer wieder aufs Neue, darüber nachzudenken.

LITERATUR:

  • Austin, John L. (1979): Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words). Deutsche Bearbeitung von Eike von Savigny. 2. Aufl. Stuttgart.
  • Bühler, Karl (1999): Sprachtheorie: Die Darstellungsfunktion der Sprache. 3. Aufl. UTB 1159. Stuttgart.
  • Searle, John R. (1983): Sprechakte: Ein sprachphilosophischer Essay. Übersetzt von R. und R. Wiggershaus. Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 458. Frankfurt a. M.
  • Schulz von Thun, Friedemann (2010): Miteinander reden 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. 48. Aufl. Reinbek.