„Überflüssig“: Ein zentraler Begriff in der Bewertung von Anglizismen.

Was aber bedeutet „überflüssig“ im sprachlichen Kontext? Ist dieses Urteil gerechtfertigt?

„Überflüssig“ bedeutet gemäß WAHRIG Deutsches Wörterbuch: ‚1 unnötig, zwecklos, entbehrlich‘, außerdem ‚nicht wünschenswert, nicht angebracht‘. Die hier vertretene These lautet: „überflüssig“ im engeren, hier erstgenannten Sinne sind die Anglizismen nicht. Denn sie erfüllen im jeweiligen Kontext einen Zweck. Der Sprecher oder Schreiber hat also ein – bewusstes oder unbewusstes – Motiv, weshalb er den Anglizismus wählt, ggf. auch einem formal gleichbedeutenden Ausdruck vorzieht.

Gerade durch den Gebrauch eines Anglizismus können wir die Haltung des Sprechers, seine Intention, in vielen Fällen sogar besonders gut durchschauen. Ob wir den Komplex aus Anglizismus und damit ausgedrücktem Sprechermotiv im jeweiligen Kontext gutheißen oder sympathisch finden, kann dann in einem zweiten Schritt überlegt werden.

Als „überflüssig“ werden bestimmte Anglizismen deswegen bezeichnet, weil es bereits ein gleichbedeutendes Wort im Deutschen gibt – zumindest von der Denotation her, also der Grundbedeutung des Ausdrucks, ihrem situationsunabhängigen begrifflichen Kern (im Gegensatz zur Konnotation, dem „Mitbezeichneten“, also den assotiativen, emotionalen, stilistischen Zusatzbedeutungen).

Ein Beispiel: Statt „Meeting“ könnte man von der Kernbedeutung her auch „Treffen“ oder „Besprechung“ sagen. Die bezeichnete Sache, also die Veranstaltung, gab es auch früher schon, und damals kam die Sprachgesellschaft ohne „Meetings“ aus.

In diesem Text soll jedoch nicht beim Vorhandensein eines formal gleichbedeutenden Äquivalents stehengeblieben, sondern einen Schritt weitergegangen werden. Die Frage stellt sich, warum der Sprecher/Schreiber den Anglizismus trotzdem verwendet? In irgendeiner Form muss dieser Anglizismus im jeweiligen Moment einen Mehrwert für den Sprecher haben, sonst würde er ihn nicht verwenden.

Deutlich wird, dass es hier speziell um diejenigen Anglizismen geht, die in der Sprachgemeinschaft besonders emotional diskutiert werden – die einerseits seit Jahren stark kritisiert werden, andererseits aber noch immer eifrig Verwendung finden, also beliebt sind. Auf den ersten Blick ist dies ein Paradoxon – auf den zweiten Blick ein äußerst interessantes Feld, um sprachliche Prozesse zu beobachten.

Kommen wir nun zu den zentralen Motiven für den Anglizismengebrauch.

Natürlich ist Sprache niemals eindimensional. Eine sprachliche Äußerung enthält immer mehrere Aspekte, vereinigt also verschiedene Motive des Sprechers (siehe auch den Artikel Die Suche nach dem richtigen Wort). Außerdem sind einige der unten behandelten Motive eng miteinander verwandt. Es soll darum gehen, ein jeweils zentrales Motiv der jeweiligen Äußerung herauszufiltern.

Diese Motive lassen sich in zwei Gruppen unterteilen:

  1. Selbstdarstellung
  2. Soziale Zugehörigkeit

Selbstdarstellung

Nicht wenige Anglizismen dienen in ihrem Kern der Selbstdarstellung. Mit dem Gebrauch von bestimmten Anglizismen gibt der Sprecher nicht nur etwas über sich preis, er zeichnet auch ein Bild von sich, er zeigt, wie er gerne gesehen werden möchte – er stellt sich dar: „Ich bin …“, „Ich kann …“, „Ich weiß …“. Und diese Selbstdarstellung ist in ihrer Wertung grundsätzlich positiv, der Sprecher möchte also seine guten, bewundernswerten Eigenschaften und seine Kompetenzen herausstreichen. Dies funktioniert in bestimmten Kontexten offenbar trotz der vehementen Kritik an Anglizismen, die die deutsche Sprachgemeinschaft ebenso prägt. Entweder ist der gerne anglizismennutzende Teil der Sprachgemeinschaft gegen solche Kritik immun, oder genau diese Kritik ist ein weiterer Baustein, der die Anglizismen gerade interessant und schillernd macht. In jedem Fall bleibt ein gewisser Glanz, eine positive Aura an den Anglizismen haften. Im Folgenden werden die Aspekte der Selbstdarstellung an Beispielen illustriert. Es werden überwiegend Sätze und nicht einzelne Ausdrücke vorgestellt, um anzudeuten, dass wir erst im jeweiligen Kontext fundiert über ein Wort urteilen können.

Die Botschaften der Selbstdarstellung lauten:

Ich bin modern, jugendlich.
Voll der Shooting-Star!
Das war eine coole Session.
Klar, das sind die echten Follower.
Der Hoodie ist der Hammer.

Ich bin locker. Ich bin aufgeschlossen.
Ich bräuchte da einfach ein Tutorial.
Family first!
Finde Girls aus Deiner City!
Hej, das war ein Joke!

Ich weiß Bescheid, kenne mich aus.
Wie wär’s mit einem Latte to go?
Der typische Underachiever.
Das schreit doch nach einem Relaunch!
Ich bin ein großer Fan von Carsharing.

Ich bin souverän, entschlossen, dynamisch, anpackend.
9 Steps zum Erfolg
Auf zum Showdown.
Ich sehe darin eine echte Challenge. Wir werden uns mit der Konkurrenz battlen (batteln?) (*1)!

Ich bin witzig.
Das Setting sitzt.
Du solltest mal deine Ernährung relaunchen.
Viele Grüße vom Fake.

Ich lasse einen Interpretationsspielraum. Ich lege mich nicht fest (klinge aber dennoch beeindruckend).
Ich bin eine Freestyle-Mama.
Klar, um mich weiterzuentwickeln, muss ich an meinen Beliefs arbeiten.
Ich werde meine Kompetenzen upgraden.
Wir planen ein Event.

Soziale Zugehörigkeit

Anglizismen erfüllen soziale Funktionen. Zweifellos sind es gewisse Gruppen, die Anglizismen gehäuft verwenden. Und in diesen Gefügen wirken die Anglizismen gemeinschaftsstabilisierend und gewähren ein Gefühl von Sicherheit. Zugehörigkeit ist das zentrale Stichwort.

Natürlich ist dies eng, man könnte sogar sagen untrennbar, mit der Selbstdarstellung verknüpft: Der Sprecher definiert sich selbst als Teil der Gruppe.

Die zentralen Botschaften im sozialen Kontext lauten:

Ich kann mitreden, ich spreche Deine/Eure Sprache.
Ja, das ist so ein Special-Interest-Magazin.
Es geht um Change.
Tools, Teambuilding, Skills, Incentives, Beliefs, Awards, Speakers häufen sich auf der Website verschiedener Coachs(*2).

Ich gehöre dazu.
Ich hatte vor kurzem einen Talk mit XY.
Willst Du noch mit uns abchillen?
Manchmal muss man fighten.
Was für ein Loser!(*3) Sie war total overdressed. (abgrenzend von anderen)

Ich bin Dein Freund.
Unser Versprechen: Wir setzen auf Success.
Werde Teil der Community!
Nice!
Peanuts!

Zuletzt bleibt die Frage: Sind solche Anglizismen sinnvoll? Ließen sich die genannten Zwecke – wenn man sie verfolgen will – auch mit anderen (sprachlichen) Mitteln erreichen?

Es gibt hierfür keine einfache und eindimensionale Antwort. Wie bereits angedeutet: Sprachliche Gestaltung lässt sich nur mit Einbezug des jeweiligen Kontextes vollständig beurteilen. Die situative Einbettung sowie Intention von und Beziehung zwischen Sprecher und Hörer sind nur einige zentrale Kriterien. Anders formuliert: Der Sprecher sollte sich so oft wie möglich bewusst machen, mit welchem Zweck er kommuniziert. Es liegt in seiner Verantwortung, seine Wirkung zu kontrollieren und zu überprüfen.

Eines ist sicher: Die deutsche Sprache bietet unendlich viele kreative Möglichkeiten – Anglizismen sind nur ein kleiner Teil davon.


*1 Im Mündlichen begegnet uns das Problem, dass das Anglizismusverb „battlen“ („to battle“ = kämpfen) sehr ähnlich wie das Verb „betteln“ klingt, was zu kuriosen Missverständnissen führen kann.

*2 Man könnte beinahe von einer Fachsprache des Coachings sprechen. Problematisch dabei ist jedoch die unklare Definition und Abgrenzung von Coaching. Das Thema soll an dieser Stelle nicht ausführlicher verfolgt werden. Offenkundig ist jedoch, dass diese Wörter nicht in den engeren Coaching-(Fach-)Kreisen bleiben, sondern eine große Breitenwirkung haben.

*3 Hier ist die schriftliche Version problematischer, d.h. unverständlicher als die mündliche.